Tag 64- 67: Estland und Haapsalu

von Franz am 06.08.2019 / in Allgemein

Wenn man als Westeuropäer von den drei baltischen Staaten hört, dann kann man denken, dass diese Länder aufgrund der Historie sehr viel gemeinsam haben. Zum einen ist es in gewissen Teilen richtig. Alle drei gehörten zur Sowjetunion und in allen drei war Deutsch in vielen Teilen bis ins 19. Jahrhundert Amtssprache. Aber es gibt auch viele Unterschiede. So gibt es nicht nur drei verschiedene Sprachen. Wobei Litauisch und Lettisch noch gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. Estnisch hingegen ähnelt eher dem Finnischen, als den anderen beiden Sprachen. Auch die Preise sind in den drei Ländern unterschiedlich. Aus unserer Sicht war es am günstigsten in Litauen. Dann kam Lettland und in Estland haben wir den Eindruck, dass wir deutsches Niveau erreicht haben. Sicherlich wird es dann noch anders, sprich teurer, wenn wir in Finnland sind. Bei den Radiosendern sind sich die Länder wieder sehr ähnlich. Auch wenn wir die Sprachen nicht verstehen, haben wir den Eindruck, dass sie ähnlich aufgebaut sind. Es wird viel Musik einer bestimmten Stilrichtung gespielt und die Kommentare sind eher spärlich. Und, wir hören relativ oft die Scorpions und auch Modern Talking mit Thomas Anders.
Kommen wir aber zurück nach Estland. Ich hatte im letzten Blog berichtet, dass sich die Landschaft in Estland gegenüber der von Lettland und Litauen verändert hat. Das Land hat viele Inseln, man ist vielfach in Flachwasser unterwegs und muss beim Segeln darauf achten, dass man sich in ausreichend tiefen Gewässern bewegt. Ein kleiner Vorgeschmack auf Finnland und die Aalands.
Da wir uns entschieden hatten, nicht nach mehr bis nach Tallin zu fahren, blieb als einzige estnische Stadt, die wir besuchen wollten, Haapsalu im Nordwesten von Estland übrig. Vorher waren wir auf den Inseln Kihnu und im Fährhafen Kuivastu der Insel Muhu. Besonders fiel uns auf, dass in den Häfen die Nationalflaggen der Yachten gehisst wurden, wenn man dort übernachtete. So war dies zumindest in Kihnu, Kuivastu und Haapsalu.

Nette Geste – Die Nationalflaggen der Gäste sind im Hafen gehisst

In Haapsalu hatten wir einen zusätzliche Hafentag eingelegt, um einen besseren Eindruck vom Land zu bekommen. Dieser Tag hat sich auf jeden Fall gelohnt. Haapsalu ist mit knapp 13.000 Einwohnern nicht gerade groß.  Sie ist ein kleines und hübsches Städtchen, mit vielen Holzhäusern im nordischen Stil, kleinen Boutiquen sowie netten Restaurants und Cafés. Uns hat es dort sehr gut gefallen, wir konnten dort noch einmal unsere Lebensmittelvorräte aufstocken. Dank der Fahrräder von Achim und Rosi konnten wir die 2 km bis zum Einkaufzentrum gut überwinden und die Gepäckträger mit Mineralwasser gut bestücken. Aber wir haben hier auch zum ersten Mal die Gelegenheit genutzt, die Sauna zu testen, die im Liegeplatzpreis mit inbegriffen war. Hervorzuheben ist auch der Besuch der Galerie Epp Maria, weil wir dort Exponate von einer der bekanntesten estnischen Künstlerin und ihrer Familie sehen konnten, die uns sehr gut gefallen hatten.

Die Grand Holm Marina – eine von drei Jachthäfen in Haapsalu  – alle drei liegen direkt nebeneinander

Nicht nur die Kirchen sind proper in Haapsalu

Den letzten Ort, den wir in Estland aufsuchen wollten, war Dirhami. Auf der Hinfahrt dorthin, hatten wir morgens in Haapsalu noch Regen, aber im Laufe des Tages wurde das Wetter immer besser und zum Nachmittag hatten wir Sonnenschein und konnten einen Spaziergang am Strand von Dirhami unternehmen. Außer Natur, einem kleinen Café und einem kleinen Laden, gab es sonst nicht viel zu sehen. Aber die Ruhe an der Küste haben wir sehr genossen.

Dirhami – kleiner Hafen, aber landschaftlich sehr reizvoll

Wir hoffen auf einen schönen Sonnenuntergang, aber auch ohne ihn ist es schon besonders schön hier

Am Abend zuvor hatten wir uns über Crews von anderen Schiffen unterhalten. Da gibt es natürlich unterschiedliche Kategorien und nicht jeder wird mit unserer Einschätzung einverstanden sein und natürlich wollen wir auch nicht besserwisserisch sein. Da gibt es genügend Seglerinnen und Segler, die weitaus besser sind als wir, von daher ist es eine sehr subjektive Betrachtung und wer anderer Meinung ist, kann die natürlich gerne haben und uns mitteilen. Folgende Crewzusammensetzungen sind uns aufgefallen. Wobei dies nicht immer auf alle Crews einer bestimmten Gruppierung zutrifft. Aber eine gewisse Tendenz glauben wir zumindest erkennen zu können.

Die Männercrew
Hier haben wir den Eindruck, dass man zeigen muss, was man kann. Lieber alle Segel gesetzt mit ordentlicher Krängung, als ein Reff einzubinden. In den Häfen fährt man in der Regel mit ordentlich Geschwindigkeit herein und beim Anlegen, wird erst im letzten Moment mit großem Schub der Rückwärtsgang eingelegt, um genau vor dem Steg anhalten zu können; wenn es denn klappt. Im Hafen wird dann sehr schnell das erste Bier getrunken und oft bleibt es nicht bei einem, aber zum Abendessen geht man dann doch gerne in den Ort und sucht sich dort ein Lokal aus, wo es gut was zu Essen und Trinken gibt.

Die Einhandsegler
Das sind eher die wenig Kommunikativen. Sie versuchen möglichst alles alleine zu machen und bleiben auch gerne alleine. In den Häfen nehmen sie gerne Hilfe beim Anlegen von anderen an, sind aber nicht überrascht, wenn sie das An- und Ablegemanöver alleine bewerkstelligen müssen. Man ist gerne an Bord, hatte lange Segeltage und läuft oft als letzter ein und als erster wieder aus.

Die Einhandseglerinnen
Wie die Einhandsegler versuchen sie vieles gerne alleine zu machen. Allerdings ist die Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen Seglern eher größer, als bei den männlichen Einhandseglern.

Die Frauencrews
Diese sieht man sehr, sehr selten. In der Regel sind sie sehr professionell, was die Segeltechniken und Manövertechniken anbelangt. Sind sie im Hafen, kann es dann aber sein, dass sich unterschiedliche Interessen herausbilden. Die einen shoppen dann eher gerne, während andere lieber die Ruhe suchen und an Bord bleiben.

Die gemischten Crews
Hier gibt es oft den Skipper, seine Helfer und die Passagiere. Die Passagiere sitzen im Cockpit, schauen zu, was passiert und sehen sich oftmals nicht genötigt, auch nur eine Hand zur Hilfe anzubieten. Der Skipper gibt die Anweisungen und seine Helfer führen die Befehle aus. Eigenständiges Denken ist dort oft unerwünscht. Der Skipper sagt, was zu geschehen hat und der Rest der Helfer pariert.

Die Pärchencrews
Wozu wir ja auch zählen. Allerdings steht bei den Pärchen in der Regel der Mann man Steuer und überlässt seiner Partnerin das Hantieren mit den Leinen. Oft weiß sie dann nicht, wo genau angelegt werden soll und sie stellt sich aus der Sicht des Skippers etwas unbeholfen an. Das liegt aber nicht unbedingt an ihr, sondern eher an ihm, der wenig kommuniziert und dann im letzten Augenblick eher mit dem Brüllen anfängt.
Bei uns sieht es da etwas anders aus. Der Skipper steht nicht am Ruder, sondern kümmert sich um die Leinen und gibt die Kommandos, wo es hin gehen soll.
Die Steuerfrau ist eher besonnen und fährt im Hafen lieber etwas langsamer zum Liegeplatz, als zu schnell. Ganz selten, bei mehr Wind kann das auch schon mal bedeuten, dass man nicht mehr optimal anlegen kann und ggf. einen zweiten Anlauf benötigt, weil man abgetrieben wird. Ab und zu kann es dann etwas problematischer werden, wenn kurzfristig der angesagte Liegeplatz, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr der passende ist, der Skipper kurzfristig einen neuen aussucht, diesen jedoch nicht laut genug nach hinter zur Steuerfrau weitergibt, weil ihm das Brüllen im Hafen unangenehm ist.

Wie bereits vorher erwähnt, ist uns häufig ein „crewtypisches Verhalten“ aufgefallen – das trifft natürlich nicht auf jede Besatzung zu.
Etwas anderes fiel uns jedoch bei fast allen Booten auf und das ist der Umgang mit der Sicherheit an Bord.
Viele Besatzungen tragen keine Rettungswesten während der Fahrt. „Es passiert ja eh nichts“. Und bis auf eine Einhandseglerin haben wir keine Segler gesehen die, so wie wir, zusätzlich zur Rettungsweste ihre Lifebelts anhatten. Zugegeben, Lifebelts sind nicht gerade sexy und bedeuten zusätzliches Gewicht, was man während der gesamten Fahrt mit sich herumschleppt. Ehrlicherweise picke ich mich auch nicht immer in eine der Lifelines ein, die auf beiden Seiten des Schiffs von Achtern bis zum Vorschiff gespannt sind, gerade wenn wir in einen Hafen ein- oder ausfahren, Aber besser als eine Schwimmweste, die einen im Fall des Überbordgehens über Wasser hält, ist es, erst gar nicht dort hinein zu fallen und darum sollte man sich einpicken, gerade wenn man auf dem Vordeck am hantieren und mit kleiner Crew unterwegs ist.

6 Kommentare

  • Brigitte says:

    Lieber Franz,
    deine kleine Crew-Studie ist herrlich! Zu allen Gruppen hast Du so bildlich beschrieben wie es an Bord zu geht, das in meinem Kopf gleich ganze Filme dazu abliefen. Loriot wäre neidisch 😉 Eine willkommene Unterbrechung der Arbeit am Nachmittag!
    Euch weiterhin eine tolle Reise und liebe Grüße
    Brigitte

    • Franz says:

      Liebe Brigitte,
      schade, daß Kopfkino hätten wir gerne gesehen. 😊
      Es freut mich sehr, wenn es euch gefällt und ihr eine Ablenkung von der Arbeit habt.
      Studien in der Marina kann man zusammen mit Häfenkino unentwegt betreiben und ganze Regale damit füllen. 😉
      Allerdings bewegen wir uns ja noch etwas mit dem Boot und haben dann dafür nicht so viel Zeit.
      Viele Grüße von uns beiden aus Hanko (Finnland)

  • Frank says:

    Hallo Franz, stimmt, ich schließe mich Brigitte an. Sehr präzise beobachtet und ich kann das nachvollziehen. Ähnlich ist es übrigens bei radfahrenden Gruppen. Bei Männergruppen muss man unbedingt den Bergkuppen- oder Ortsschildsprint gewinnen, egal wieviele davon auf einer Traininsgrunde vorkommen. Entgegenkommende Radfahre werden grundsätzlich nicht gegrüßt denn man ist potentieller Konkurrent obwohl man in die andere Richtung fährt. Bei gemischten Gruppen fahren die Männer IMMER vorne, die Frauen im Windschatten. Ich denke oft, es scheint physikalsich nicht anders zu gehen. Frauen grüßen ganz gerne, die Männer blicken dich zerknirscht an, „wieso grüßt der meine Begleitung“ ?? Frauengruppen sind selten, aber wenn man vorbeifährt ist es entspannt und es wird gegrüßt. Man man hört bei den Überholten auch niemanden runterschalten weil dieser gleich die Überholung wieder egalisieren wollen… (das kann bei Männergruppen passieren)… Naja, also überall das gleiche mit den Menschen 🙂 … und Wahsninn, dass Du dir so viel Zeit nimmst den Blog zu schreiben ! Viele Grüße von der Arbeit

    • Franz says:

      Hallo Frank,
      wir sind beeindruckt. Du bis ja auch ein kleiner Geschichtenerzähler.👏👏👏 Wenn du das nächste Mal eine Tour in den Alpen machst, würden wir uns über einen Blog deiner seits freuen. 😉
      In der Tat, das Gruppeverhalten kann man nicht nur beim Segeln beobachten. Und wenn man dies tut, kann man sich manchmal köstlich amüsieren.
      Viele Dank für deinen Kommentar und weiterhin fröhliches Radfahren

  • Michael says:

    Hallo Renate, hallo Franz,
    ich freue mich sehr, dass es euch weiter so gut geht und euch die Reise weiter soviel Spaß macht. Toll!! Euch weiter eine sehr gute Zeit!!!
    LG Michael

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