Tag 45-49: Entlang der Küste von Kurland

von Franz am 20.07.2019 / in Allgemein

Litauen hatten wir noch gar nicht richtig kennengelernt, da waren wir schon auf den Weg nach Lettland. Das erste, was uns auffiel, als wir den Grenzbereich passiert hatten, war die Einsamkeit. Es gab so gut wie keine Schiffe, die wie sahen, außer drei Segler, die mit uns Klaipeda verlassen hatten und in die gleiche Richtung segelten, wie wir. Und auch an Land sahen wir keine Häuser, Autos oder Menschen an der Küste, dafür nur Sandstrand und Wälder. Mit wenigen kleinen Ausnahmen, sollte das die nächsten Tage auch so bleiben.
Der erste Ort, den wir anliefen, war Liepaja. Die Hafenstadt mit gut 70.000 Einwohner hat einen Industrie- und Fährhafen und ist Marinestützpunkt. Einlaufende Yachten, können an einem Schwimmsteg festmachen. Wenn dieser voll wird, was nach gut 12 Schiffen so ist, muss man ins Päckchen gehen, da heißt bei anderen Yachten längsseits anlegen.
Als wir am späten Nachmittag einliefen, konnten wir noch ein Plätzchen am Ende des Steges ergattern. Weil der Stromanschluss für uns dadurch ca. 50 Meter entfernt war und wir nur eine 30 Meter Verlängerung haben, konnten wir beim Nachbarboot, deren Besatzung aus Großenbrode bei Hannover kam, deren Anschluss mitbenutzen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Segler sich untereinander helfen.
Die Marina hatte alles, was man so benötigt (Strom, Wasser, WC, Duschen, WiFi) allerdings mussten man für die Duschen gute 600 Meter entlang der Mole gehen. Der Eingang war etwas versteckt und entpuppte sich als Teil eines Fitnessstudios. Das war jetzt etwas unerwartet, aber das Wasser war heiß und der Wasserstrahl ordentlich.

Für den Folgetag war vormittags Regen und etwas Wind angesagt. Deshalb entschlossen wir uns den Ort noch etwas anzuschauen. Liepaja hat eine eigene Straßenbahn, eine Universität und für uns überraschend einen tollen Markt. Das hiesige Gemüse und das Obst, das dort angeboten wurde, hatte eine super Qualität zu sehr modertaten Preisen. Neben den Obst-, Gemüse- und Blumenständen, die außen angesiedelt waren, gab es noch eine Markthalle in der man Fleischer, Bäcker und Lebensmittelhändler finden konnte. Natürlich hatten wir uns dort mit frischen Produkten versorgt. Ich glaube schon einmal erwähnt zu haben, dass das Obst in Polen so toll ist. Wir haben allerdings den Eindruck, dass es hier in Lettland noch ein Tickchen besser ist. Insbesondere die verschiedenen Beeren sind eine Wucht und die Kirschen ein echter Genuss.
In der katholischen Kirche St. Josef hatten wir dann noch eine Landkarte aus dem 18. Jahrhundert gesehen, die die Postverbindungswege im damaligen Kurland darstellte. Kurland ist der nordwestliche Teil von Lettland und wird von der Ostsee im Westen und dem Rigaer Meerbusen im Osten begrenzt.

Wochenmarkt von Liepaja

In der Markhalle gibt es nicht nur Fleisch, ebenso Brot und Gebäck wie Lebensmittel und Fisch

Von den Preisen können wir bei uns nur noch träumen

Nachdem wir uns essenstechnisch versorgt und geschichtstechnisch aufgeschlaut hatten, machten wir uns dann um 13:00 Uhr auf den Weg ins 28 sm entfernte Palivosta (Paulshafen). Vorbei an einsamen Küstenabschnitten kamen wir dort abends an und wurden von einem freundlichen, deutschsprechenden Hafenmeister begrüßt. Dort trafen wir dann auch wieder die Segler aus Großenbrode. Eigentlich hatten wir uns mit Anna, einer jungen Seglerin, zum Bier verabredet. Sie hatte in Greifswald studiert und nun, bevor sie ihr Stipendium antritt, wollte sie mit ihrer 28 Fuß Yacht alleine für ein paar Monate die Ostsee erkunden. Sie hatte es dann abends aber nicht mehr geschafft, da der Wind eingeschlafen war und sie somit erst gegen 1 Uhr nachts einlaufen konnte.
Nachdem wir noch einen kleinen Plausch mit dem Hafenmeister und den Bootnachbarn hatten, gab es dann für uns zum Abendessen Hühnchen mit Tandoori-Sauce, Reis und Salat.

Hühnchen mit Tandoori-Sauce, Reis und Salat

Für den Folgetag war Wind mit Welle aus der falschen Richtung angekündigt. Deshalb entschlossen wir uns einen Hafentag einzulegen. Palivosta ist ein kleiner Ort, der überwiegend unbefestigte Straßen hat und außer einer Bank, zwei Lebensmittelmärkten, einem Cafe und einem kleinen Kunstladen sonst nur ganz viel Natur inklusive Strand, darunter drei Parks, bieten kann. Als wir durch den Ort schlenderten, hatten wir das Gefühl, Jahrzehnte in der Zeit zurückgesetzt zu sein. Alles war sehr beschaulich und friedlich und es tat gut, den Tag dort zu entspannen.

Als wäre man in einer anderen Zeit

Erstaunlich, jeder Ort, ob groß oder klein, hat seine Parks

Abends hatten wir uns dann noch mit Anna zum Speck- und Blaubeerpfannkuchen bei uns auf dem Schiff verabredet und zusammen eine sehr schöne Zeit verbracht.

Am Donnerstag ging es dann bei wenig Wind ins 36 sm entfernte Ventspils. Gegen 17 Uhr kamen wir dort an und mussten zum ersten Mal die nordische Version des Festmachens ausprobieren. Hierfür benötigt man eine ausreichend lange Leine, in der Regel so zwischen 30 bis 50 Meter, die am Ende mit einem Haken versehen ist. Die Leine sollte vom Heck des Bootes aus geführt werden und der Haken wird an einer Boje festgemacht, die mit etwas Abstand zum Steg liegt. Hat man die Boje passiert, geht es in langsamer Fahrt zum Steg, stoppt dort auf und übergibt die Vorleinen an jemanden an Land, der hoffentlich da ist, da man sonst selbst auf den Steg springen muss, um die Leinen fest zu machen. Sind die Vorleinen fest, holt man die Achterleine zur Boje dicht und damit sollte das Boot gut festgemacht sein.

Die nordische Variante, beim Festmachen die Nutzung von Heckbojen

Das Manöver hat gut funktioniert und nach einem Anlegebierchen erkundeten wir die Stadt, die uns dann doch etwas überrascht hat. Bei einer Stadt mit Hafen und Industrie, denkt man gewöhnlich, dass dort auch etwas los ist. Hier war es ganz anders. Wir gingen durch die Straßen zum Stadtkern, vorbei an renovierten und neuen Häusern, aber auch noch renovierungsbedürftigen Gebäuden, und sahen kaum Menschen. Wir hatten den Eindruck, dass in jedem Ort in der Eifel am Sonntagnachmittag mehr Personen auf der Straße zu finden sind, wie an einem Abend um sechs am Werktag in Ventspils. Teilweise war es schon etwas unheimlich. Selbst im Zentrum sahen wir kaum Menschen und das, obwohl die Stadt eine große Bibliothek, ein Theater und einen nagelneuen Konzertsaal hat. Ebenso war es auf den Straßen. Auf den gut ausgebauten Straßen fuhren nur wenige Autos, merkwürdig. Auch in diesem Ort gab es wieder viele Grünanlagen und nur in einem Park, der viele Spielgeräte beherbergte, waren endlich mal Menschen in größere Zahl (Groß und Klein) zu sehen. Wir fragten uns, wo waren die Menschen dieser Stadt? Es war trocken und nicht kalt, was war der Grund? Wir bekamen keine Antwort. Abends waren wir hundemünde, obwohl wir uns ja kaum bewegt hatten und sind früh in die Koje gestiegen.

Liepaja wirkt wie ausgestorben

und das, trotz toller Parks ….

 … Konzertsaal

.. und Freilichtbühne

Am Freitag ging es dann weiter. Wir sind bereits 7 Wochen unterwegs und hatten am vorherigen Tag die 1.000 Seemeilenmarke überschritten. Bis hierher war es eine sehr schöne Reise und wir freuen uns auch schon, auf die nächsten Städte und Landschaften. Wenn wir die Tage allerdings geistig zurück verfolgen, dann müssen wir feststellen, dass wir dann doch etwas überlegen müssen, wann wir wo gewesen waren und was wir dort erlebt hatten. Es sind so viele Eindrücke, die wir täglich mitnehmen, da ist es nicht so einfach alles zu behalten und schon aus diesem Grund ist es gut, einen Blog zu schreiben 😉

Für die nächste Woche ist geplant, dass wir nach Riga segeln, um uns dort mit meiner Tochter und ihrem Freund zu treffen. Da der nächste lettische Hafen aber gut 60 Seemeilen entfernt ist, entschlossen wir uns die Halbinsel Sörve Poolsaar der estnischen Insel Saaremaa   anzusteuern und an der Pier von Möntu festzumachen, da wir hierfür nur gut 36 sm segeln müssen. Wie gehabt hieß es morgens um sieben aufstehen und dann ging es mit konstantem Wind aus nordwestlicher Richtung bei drei Beaufort los. Der Wind war beständig. Zum Schluss hatte er noch eine kleine Schippe draufgelegt, aber es war ein wunderschöner Segeltag. Der Hafen von Möntu ist, aber noch recht neu und es lagen mit uns nur 8 Boote dort. Außer dem kleinen Hafen und einem Park gab es aber nicht viel Spektakuläres zu sehen. Wir hatten die Ruhe dort sehr genossen und darüber gefreut, dass wir den ganzen Tag Sonnenschein ohne ein Wölkchen hatten. Zum Abend gab es dann noch ein Bauernfrühstück und sonst hatten wir den Tag bei einem Glas Rotwein ausklingen lassen.

Abendstimmung auf Möntu

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